Weihnachten ist das Fest der Geburt Jesu, das Fest der Liebe, aber auch der kleinen oder großen Aufmerksamkeiten für die Familie. Doch was, wenn das Geld fehlt für Kindergeschenke oder wenn wegen schwieriger Familienverhältnisse die Bescherung am Heiligen Abend ausfällt? Ob es nun genau 20 Jahre sind, eins mehr, eins weniger, egal - hier kann man getrost schon von einer Tradition sprechen: Seit rund zwei Jahrzehnten spenden Kunden des Chemnitzer Friseurs "Salon Landrock" Weihnachtsgeschenke für Kinder bedürftiger Familien. "Wir geben die Weihnachtswünsche an den Salon weiter und freuen uns, dass so viele Kunden sie erfüllen", sagt Claudia Hojenski. Sie ist Fachbereichsleiterin der Ambulanten Jugendhilfe bei der Caritas Chemnitz. "Die Geschenke gehen an die Familien, für die es einfach nicht selbstverständlich ist, dass an Weihnachten etwas unter dem Baum liegt", erzählt sie. Rund 60 Kinder erhielten so in 2024 ein Präsent, in 2025 dürften es ähnlich viele gewesen sein.
Die Kinder dürfen ihre Wünsche äußern. Diese kommen dann in eine Liste. Hojenskis Mitarbeiterin Bianca Tiedemann bastelt daraus dann die passenden Wunschzettel, die bereits nach den Herbstferien in den Friseursalon im Chemnitzer Lutherviertel gebracht werden. "Manche Kunden fragen bereits Ende Oktober nach neuen Wünschen, um genügend Zeit zu haben", erzählt Hojenski. Von ihrem Kind, welches sie - im Wert von maximal 20 Euro - beschenken, kennen sie nur den Vornamen und das Alter. "Wir sind immer wieder beeindruckt, mit wie viel Liebe die Sachen eingepackt sind, teilweise liegen persönliche Briefe dabei", meint Hojenski. Gerade ältere Kinder oder Jugendliche freuten sich zunehmend auch über Gutscheine. Für einige sei es das erste Mal, dass sie damit ganz allein etwas für sich einkaufen könnten.
Die entscheidende Idee
Rückblick, wahrscheinlich 2005: Die besten Einfälle kommen eben doch beim Haareschneiden. Elvira Beck, zu jener Zeit die Leiterin des Fachbereichs der Caritas, ist seit Jahren Kundin im "Salon Landrock". Mit Inhaberin Kathrin Landrock spricht sie auch über ihre Arbeit und wie schwierig es für manche Familien ist, ihren Kindern Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Friseurin Landrock selbst war es dann, die auf die alles entscheidende Idee kam, doch mal ihre Kundschaft zu fragen. "Ich war sofort begeistert über den Vorschlag", erzählt Beck heute. Anfangs hätte sie jedoch niemals gedacht, dass das so einschlagen würde und so lang halten könnte. "Das spielte sich nach einigen Jahren dann so ein, dass es die Kunden selbst waren, die nach neuen Wunschzetteln fragten, so dass wir sie immer zeitig genug im Salon auslegten." Man könne immer nur staunen, sagt Beck, die 2012 den Staffelstab an Claudia Hojenski übergab, wie liebevoll die Kunden die Geschenke auswählten und verpackten. "Wir haben dabei nie Druck ausgeübt. Es ging immer von der Kundschaft aus", betont Elvira Beck. Es sei so toll, dass es immer Menschen gebe, die helfen möchten.
Elternfrühstück mit den "Muttis"
Es ist Ende November: In einer Wohnung in der Chemnitzer Lohrstraße trifft sich eine Gruppe Frauen zum gemeinsamen Frühstück. Es sind Mütter oder Großmütter aus betreuten Familien, sowie Claudia Hojenski und einige ihrer Kolleginnen vom Team "Flexible Hilfen zur Erziehung". Man trifft sich, isst zusammen, quatscht miteinander, lacht gemeinsam oder spendet Trost. Die Wohnung ist ein Ausweichquartier für die eigentlichen Räume in der Further Straße. "Wasserschaden", sagt Hojenski nur mit einem "Was kann man da machen"-Schulterzucken. Das Caritas-Team, sieben Frauen und zwei Männer, meist Sozialpädagogen, unterstützt Familien mit Kindern bei der Bewältigung des Alltags; das können Herausforderungen in der Erziehung oder bei Schulverweigerung sein. Sie begleiten die Menschen aber auch bei Behördengängen. Meist nach Anfrage des Jugendamtes nehmen sie Kontakt zur jeweiligen Familie auf und beraten dort, wo Hilfe benötigt wird, ob zu Hause oder bei Terminen. Oft entstehen langjährige, fast schon freundschaftliche Kontakte. Rund 60 Familien unterstützen Hojenski und ihr Team derzeit. 2024 feierten sie 30-jähriges Bestehen des Teams.
Die zum Treff gekommenen "Muttis", wie sie von ihren Betreuerinnen - ausschließlich positiv gemeint - genannt werden, sind entweder noch jung oder Ü-60. Beate Götze zum Beispiel, sie hat ihren Enkel Tyler von Geburt an aufgezogen, elf Jahre lang, die Mutter war nicht in der Lage dazu. Tyler hat öfter Geschenke von den Friseurkunden erhalten. Nun wohnt er in einer Wohngruppe, aber dieses Jahr steht er noch auf der Empfängerliste. Und Oma Beate kommt weiterhin gern in die Runde, obwohl die Betreuung zu Ende ist. Viel jünger ist Susann Sieber. Seit fünf Jahren erhält sie Unterstützung vom Caritas-Team. "Ich hatte Schwierigkeiten, selbst den Haushalt zu führen oder mich zu motivieren, den Tagesablauf zu gestalten", erklärt sie und ergreift den Arm ihrer Helferin Jutta Pasler, die neben ihr sitzt. "Ich leiste praktische Hilfe", sagt diese, "ich mache das, was eine Mutter tut, bis die jungen Frauen es selbst können." Auch Siebers drei Söhne John, Paul und Emil freuen sich in diesem Jahr über Weihnachtsgeschenke, gespendet von Kunden des "Salon Landrock".
Jenny Münch wird seit Anfang des Jahres von der Caritas betreut. Sie ist erst zum zweiten Mal zum Elternfrühstück gekommen und hat Baby Ron, drei Monate alt, dabei, der von allen geherzt wird. Ihr großer Sohn Rick ist fünf. Und dann ist da noch Frau Quratulain, aus Pakistan stammend. Alle rufen sie nur Ain. Mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen Moeez (9), Ghulam (8) und Zaroon (6) lebt sie seit vielen Jahren in Deutschland. Zaroon wurde hier geboren. Ain spricht gut Deutsch. Trotzdem besitzt die Familie
nur einen unsicheren Aufenthaltsstatus, schwebt ständig in Angst vor Abschiebung. Fragt man in die Runde nach den Wünschen der Kinder, nennen sie - wenig überraschend - Spielzeugautos, Playmobil-Figuren oder Babyspielzeug. Für Freude sorgten aber auch bereits Gutscheine fürs Kino oder für den Besuch in einer Trampolinhalle. "Uns haben sie gleich die Anti-Rutsch-Socken dazu geschenkt", erinnert sich Susann Sieber. "Wir finden es toll, wenn die Familien vielleicht sogar etwas zusammen erleben, was sie sich so nie hätten leisten können", sagt Teamleiterin Hojenski. Anfangs habe es Überwindung gekostet, um Hilfe zu bitten, erinnert sich Beate Götze, aber dann seien alle so freundlich gewesen. "Noch mehr Mut kostet es, in die Frühstücksrunde zu kommen und sich zu zeigen", erläutert Mitarbeiterin Bianca Tiedemann. "Es war wie am ersten Schultag", wirft gleich Susann Sieber ein und alle müssen
lachen.
Regelmäßig gibt es ein Hilfeplan-Gespräch mit dem Jugendamt. Dann wird geschaut, wo Hilfe am dringendsten gebraucht wird. Hier im Raum sind sich alle einig: Die Unterstützung hat viel gebracht. "Andere brechen aber auch ab, wenn Hilfen auslaufen, und wollen sofort keinen Kontakt mehr", berichtet Hojenski. In ihren 25 Jahren bei der Caritas hat sie eine Menge erlebt. Dass die Organisation eine "kirchliche Einrichtung" sei, spiele im Alltag keine Rolle, sagt sie, vielen sei es wohl überhaupt nicht bewusst. Susann Sieber bestätigt dies, sagt aber auch: "Ich hatte mit Kirche nichts zu tun. Doch seit mein Sohn auf das Evangelische Schulzentrum geht, habe ich ein anderes Verständnis. Dort herrscht ein viel besserer Umgang miteinander als an anderen Schulen."
Ein Erbe, das respektvoll zu behandeln ist
Ortswechsel, ein Freitag Anfang Dezember, 8 Uhr: Der "Salon Landrock" im sogenannten Konzepthaus in der Jahnstraße öffnet. Ein erster Kunde ist schon da. Es herrscht eine angenehme Lounge-Atmosphäre, gedimmtes Licht, ruhige Hintergrundmusik, es gibt sogar bequeme Liegen mit flauschigen Decken. Gleich vorn am Eingangsbereich werden gut sichtbar die Geschenke gesammelt. "Ja, es ist ein wenig wie eine Wohlfühl-Oase", sagt Moritz Schreiter. Seit Anfang des Jahres leitet er den Salon, übernahm ihn von Kathrin Landrock. Schreiter ist 22 Jahre alt, wusste schon im Alter von sechs Jahren, dass er Friseur werden wollte. Er machte 2017 ein Schülerpraktikum im "Landrock" und blieb sozusagen. Danach ging es Stück für Stück weiter, Azubi, Meisterschule, junger Chef. Mit der Caritas-Geschenke-Aktion sei er praktisch aufgewachsen. "Ich habe natürlich Dinge im Salon verändert, aber die Aktion bleibt. Sie ist eine große Freude. Wir haben Kunden, die schon viele Jahre teilnehmen", berichtet er. Jedes Jahr erhalten sie von der Caritas hernach eine Dankestafel mit Fotos. Ihm und seinem Team sei natürlich klar, dass die Caritas ein katholischer Wohlfahrtsverband ist. "Ich denke, vielen Kunden wird
sie eher als soziale Organisation bekannt sein." Schreiter bezeichnet die Spendenaktion als "Erbe, das wir respektvoll zu behandeln haben". Gleichwohl sei es ihm ein großes Anliegen, sie zukunftsfähig zu machen. Denn dann muss er doch ein wenig Essig in den Wein gießen: "Es sind im Moment noch Wunschzettel übrig, das gab es sonst nicht. Unsere Kunden sind dieses Jahr kritischer, sie hinterfragen mehr, das ist ihr gutes Recht. Sie merken an, dass manche Jugendliche schon zu alt seien für gespendete Geschenke." Claudia Hojenski kennt die Vorbehalte. "Die Jugendlichen sind vermeintlich erwachsen. Doch trotz ihrer 18 oder 20 Jahre sind sie eben nicht fähig, allein zu leben und ihren Weg zu gehen - auch, wenn wir uns selbst das wünschen. Sie brauchen weiter unsere Hilfe."
Beim Adventsfeuer werden die Geschenke verteilt
In der Woche vor dem dritten Advent trifft sich die Elterngruppe zum Adventsfrühstück mit Musik. Ain feiert ihren 33. Geburtstag und neben Beate Götze ist mit Cornelia Hauburger eine weitere Oma in der Runde dabei. Auch sie zieht ihre Pflegekinder Ayla und Till groß und freut sich jedes Jahr über die gespendeten Geschenke. Bei Brötchen und Kaffee wird über alles Mögliche gesprochen, die Jüngeren lösen Handyprobleme der Älteren und eine durch einen Mückenstich geschwollene Hand wird auf den Rat von Ain hin mit Essig betupft. "Jeder weiß etwas, jeder trägt etwas bei. Auch wir lernen in jeder Runde etwas", sagt Claudia Hojenski. Klar sei ihr aber auch: "Wir brauchen noch mehr Austausch mit der Spenderseite, sie müssen uns und unsere Arbeit besser kennenlernen." Vor einigen Tagen haben sie dann, wie in jedem Jahr, die Geschenke im Friseursalon Landrock abgeholt, vorsortiert und beim traditionellen Adventsfeuer mit Punsch, Plätzchen und Bratwurst an die Familien verteilt. Geöffnet werden dürfen die Päckchen natürlich erst am Heiligen Abend - selbst, wenn es schwerfällt. Auch in diesem Jahr haben es großzügige Menschen möglich gemacht, dass Kinder aus bedürftigen Familien ein schönes Weihnachtsfest erleben dürfen. Zu wünschen wäre, dass die Aktion lebendig bleibt. Dazu müssten Geber und Empfänger die Bedürfnisse der anderen Seite vielleicht noch stärker als bisher berücksichtigen. Gelingt dies, gibt es auch in Zukunft strahlende Kinderaugen und zufriedene Friseurkunden in Chemnitz.
Artikel aus "Tag des Herrn", St. Benno-Verlag Leipzig, Ausgabe 26/2025, Seiten 24-27