Erfahrungsbericht von Frau Miersch (Familiäre Bereitschaftsbetreuung)

Wir haben sie von wenigen Tagen bis zu sechzehn Monaten betreut.  Jedes Kind hatte seinen Rucksack zu tragen. Sie kamen aus zerrütteten Familien, wo die Eltern große Probleme haben. Bei vielen spielten Drogen und Alkohol eine Rolle. Manches Schicksal der Kinder geht einem so richtig unter die Haut. Man könnte losheulen, wenn man die Kleinen so sieht. Zum Beispiel missbrauchte oder misshandelte Kinder. Es fällt ihnen schwer, sich zu öffnen. Sie wollen nicht in den Arm genommen oder gebadet werden.  Manche Kinder sind so traumatisiert, dass ihnen egal ist, wo sie sind, andere fühlen sich bei uns gleich zu Hause, sagen Mama und Papa zu uns. Oft haben sie große Angst, wieder verlassen zu werden. Anerkennende Worte und liebevolle Gesten sind ihnen fremd. Auch das gemeinsame Essen am Tisch ist ihnen neu. Manche essen sehr viel, "es könnte das letzte Mal sein" oder verstecken Essen heimlich unter dem Bett. Wenn wir die Kinder darauf ansprechen, sagen sie: "Es ist für morgen!" Sie leben mit der Angst, dass morgen nichts zu essen mehr da sein könnte.  Bei manchen Kindern fiel es uns schwer, sie wieder loszulassen, wenn sie nach einiger Zeit in ihre Herkunftsfamilie zurückkehren oder in eine dauerhafte Pflegefamilie wechseln mussten.
Ich möchte von Armin (Name geändert) berichten. Er kam als 9-Jähriger zu uns und fühlte sich schnell bei uns zu Hause - sicher und geborgen. Er war gut in der Schule, aber auffällig. Er war frech wie Oskar, hatte aber große Angst. Immer, wenn er an jemandem vorbeigehen musste, zuckte er zusammen. Sein Verhalten war seltsam. Seine Mutter war Alkoholikerin. Er hatte solche Angst vor ihr, denn sie verprügelte ihn mit einem Gürtel, wenn kein Alkohol im Haus oder sie mit ihm unzufrieden war. In der Schule wurde er richtig aggressiv, er schlug dann auf alles ein, was er in die Finger bekam. So kam er zu uns.
Hier benahm er sich ganz anders. Er war lieb, konnte sehr gut mit anderen Kindern spielen und half beim Tischdecken oder Aufräumen mit. Er hatte so eine liebenswerte Art an sich! Aber sein Gesicht verzog sich, wenn der nächste Besuchstermin nahte, er wurde übellaunig. Jedes Mal, wenn er vom Besuch bei seinen Eltern zurückkehrte,  waren seine Hosen nass und voll. Als ich ihn deshalb einmal zur Rede stellte, fing er bitterlich an zu weinen.
Dann fragte er mich: "Warum haust du mich nicht? Ich bin doch ein böser Junge, ich brauche die Schläge! Meine Mutti macht das immer, warum verprügelst du mich nicht?!" Ich habe ihn in den Arm genommen und ein langes Gespräch mit ihm geführt. Er konnte es einfach nicht verstehen, warum ich "so lieb" zu ihm war. Mir standen die Tränen in den Augen. So ein lieber Junge und schon so kaputt gespielt!
Am liebsten wäre er bei uns geblieben, doch das war nicht möglich. Armin fand ein neues Zuhause in einer Pflegefamilie, die zum Glück sehr lieb mit ihm umgegangen ist. Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, zu wissen, dass es ihm gut geht. Wir hatten noch eine Weile Kontakt, aber der ist mit der Zeit eingeschlafen.
Sie haben uns ein Bäumchen zum Abschied geschenkt. Es steht in unserem Garten und wächst und gedeiht prächtig. Immer wenn ich es sehe, denke ich an Armin, den kleinen Jungen. Meine Gedanken sind dann bei ihm und ich frage mich, ob er auch so gut wächst und gedeiht. Ich hoffe und wünsche ihm von ganzem Herzen, dass es ihm gut geht. Ich hoffe, dass er alles gut verkraftet hat, vergessen kann er es bestimmt nicht.
Frau Miersch, Familiäre Bereitschaftsbetreuung